Ich spüre diese unglaubliche Energie, ich sehe das Licht, ich spüre die Liebe der ganzen Welt. Ich drehe mich um, lächle dich an und sage „Da bist du ja.“

Du bist gelaufen. Die ganze Strecke. Über die via Francigena. Den gleichen Weg, wie ich damals in dem Sommer nach dem Jakobsweg. Du wolltest den Weg erleben. Du hattest keine Eile. Solange haben wir aufeinander gewartet. Du wolltest die Vorfreude genießen und jeden Moment auskosten.

Du hast dich nicht verändert, nicht wirklich. Deine Haut wirkt noch bräuner, weil du hier und da schon die ersten grauen Haare hast, deine Brille trägst du nun öfter. Dein Körper ist von der wochenlangen Wanderung perfekt geformt. Du hast immer noch diese volle Brust und einen kleinen Bauchansatz. Den habe ich auch, aber meine Beine sind noch so schlank wie damals. Ich habe nun wirklich viele Lachfalten und ebenfalls die ersten grauen Strähnen, meine Haare sind von der Sonne ganz hell. Du trägst eine kurze schwarze Hose und ein altes graues DW-Shirt, ich eine hellblaue Jeans und ein ausgewaschenes, weißes Shirt.

M. studiert Astronomie in Rom. Du hast ihm die Sterne erklärt, als er klein war. Jetzt möchte er das ganze Universum verstehen und das Heimatland seiner Großeltern besser kennenlernen. A. lernt als Koch bei einem der besten Gastronomen in München und möchte bald sein eigenes Restaurant aufmachen.

Du hast noch ein paar Jahre bei DW gearbeitet und dann junge Menschen in kleinen Unternehmen geführt und inspiriert. Du hast alle angesteckt mit deiner optimistischen und weltverbesserenden Art, immer das Beste aus ihrer Arbeit herauszuholen.

Ich habe eine kleine Bar in Italien eröffnet, wo die Menschen mal lange, mal kurz verweilen, die ausgelegten Bücher lesen und Gespräche über Gott und die Welt führen. Manchmal publiziere ich kleine Texte in verschiedenen Magazinen.

Wir haben unser Leben voll und ganz gelebt, wir waren in jedem Moment glücklich. Wir wussten, wir machen ganz einfach das Beste aus dem Jetzt. Wir wussten, irgendwann kommt der Tag, an dem wir zusammen sind.

Ein paar Jahre arbeiten wir gemeinsam in der Bar. Du führst einen kleinen Mittagstisch ein und begeisterst alle mit deinen einfachen, regionalen Gerichten.

Ich schüttle noch oft den Kopf, wenn ich dich leise vor dich hin singend in der Küche stehen sehe, weil ich es manchmal nicht glauben kann, dass du wirklich da bist.

Und dann lassen wir die Stadt hinter uns und ziehen in ein Haus am Meer.

Ab und an bekommen wir Besuch. Ansonsten lesen wir uns gegenseitig Geschichten vor und schauen uns nachts die Sterne an.

Und werden gemeinsam alt …

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