Zum ersten Mal fühlte er bei dem Gedanken an sie nicht diese lähmende, jede Lebenslust zermürbende, alles verschlingende Sehnsucht. Keine Angst. Nicht einmal Trauer. Er wusste, dass er Mi Mi mehr liebte denn je, aber seine Liebe zehrte ihn nicht auf. Nicht mehr. Sie fesselte ihn nicht. Nicht ans Bett, nicht an einen Baumstumpf. Sie machte ihn nicht schwächer. 

Alles Glück, das ein Mensch finden kann, besaß er. Er liebte, und er wurde geliebt. Bedingungslos. Er sprach den Satz aus, leise, seine Lippen bewegten sich kaum. 

Ich liebe und werde geliebt. 

Das war alles. So einfach war es, so kompliziert. 

Er war sich seiner und Mi Mis Liebe so sicher, wie er sich seines Körpers sicher war. Niemand würde ihm dieses Glück je nehmen können. So lange er atmete, würde er sie lieben und von ihr geliebt werden. … Auch wenn sie ihre Liebe nicht im Alltag teilen und sich nicht jeden Tag bestätigen konnten. Was er hatte, war mehr als die meisten Menschen je in ihrem Leben finden würden. 

Seit er das begriffen und akzeptiert hatte, wusste er, wie reich er beschenkt worden war. Er lebte nicht mehr in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Er genoss jeden Tag, als wache er neben Mi Mi auf und schliefe neben ihr ein. 

 das Herzenhören, Jan-Philipp Sendker

V. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s